Unbeschränkt verschränkt
Matthias Gräbner 09.09.2006
Forscher haben erstmals bewiesen, dass sich Quantencomputer und Elektronik verheiraten lassen
Ob sich eine neue Technologie durchsetzt, hängt auch davon ab, wie
kompatibel sie zu bestehender Technik ist. Das gilt selbstverständlich
ebenso für Quantencomputer,
den Heiligen Gral der modernen Physik. Weil sie so unglaublich parallel
arbeiten, könnten sie Probleme lösen, für die es heute noch keine
Ansätze gibt.
Ideen, wie man Quantencomputer konstruieren könnte, hat die
Forschergemeinde schon reichlich entwickelt. Und für die meisten dieser
Vorschläge konnte man bereits deren prinzipielle Machbarkeit
nachweisen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: die neuartigen
Funktionsprinzipien mit herkömmlicher Elektronik zu verbinden ist
deutlich komplizierter, als etwa einen Abakus reibungslos an einen Silizium-Prozessor anzuschließen.
Einen Ausweg könnten über supraleitende Schaltkreise realisierte Qubits
bieten. Qubits sind die kleinsten Einheiten eines Quantenrechners,
physikalisch gesehen handelt es sich um quantenmechanische Systeme, die
(wie ein Bit in der Informatik) zwei eindeutig unterscheidbare Zustände
einnehmen können. Allerdings sind das nicht alle Zustände, die so ein
Qubit einnehmen kann – und genau das ist der Vorteil des
Quantencomputers.
In Elektronik lässt sich so ein Qubit über einen supraleitenden Ring
realisieren, der durch einen schmalen Bereich normal leitenden
Materials unterbrochen wird. Diese so genannten Josephson-Kontakte sind so schmal, dass die Cooper-Paare
des Supraleiters noch hindurch tunneln können. Allerdings nur so lange,
wie ein kritischer Stromfluss nicht überschritten wird. Am
Josephson-Kontakt stellt sich dann eine quantifizierte Phasendifferenz
ein, die sich als Signal des Qubits nutzen lässt.
Derart aufgebaute Qubits haben den Vorteil, dass sie
Quanteneigenschaften in den besser handhabbaren Makro-Bereich
übertragen – außerdem sind sie relativ billig herzustellen. Im
Vergleich zur PC-Elektronik braucht man natürlich noch eine wesentlich
bessere Kühlung – mit einem Lüfter allein erreicht man die für die
Supraleitung nötigen tiefen Temperaturen nicht.
Andererseits war es bisher nicht gelungen, für auf Josephson-Kontakten
basierende Systeme zu zeigen, dass sie für den Aufbau eines
Quantencomputers geeignet sind. Dafür hat der IBM-Physiker David
DiVincenzo fünf Regeln aufgestellt, die für das betreffende System erfüllt sein müssen.
Bisher ließ sich allerdings nicht eindeutig belegen, dass zwei
Josephson-Quibits miteinander verschränkt sind. Bei der Messung eines
einzelnen Qubits lässt sich nämlich nicht unterscheiden, ob es sich in
einem verschränkten Zustand oder in einem Vielfachen seines
Eigenzustands befindet. Genau das ist nun einem Forscherteam um
Matthias Steffen von der University of California in Berkeley gelungen, das seine Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science) vorstellt ( doi: 10.1126/science.1130886). Die Wissenschaftler nutzten die so genannte Quantum State Tomography, die, ähnlich wie die Tomografie in der Medizin "Schnittbilder" des untersuchten Objekts erstellt.
Im Falle der supraleitenden Qubits besteht das Ziel darin, alle
quantenmechanischen Zustände des Systems zu ermitteln. Das Forscherteam
um Matthias Steffen rekonstruierte den Ursprungszustand, indem es das
System verschiedenen, genau vorberechneten Mikrowellen-Impuls-Sequenzen
aussetzte und anschließend die Quantenzustände maß. Daraus ließ sich
dann der Ursprungs-Zustand berechnen – und die erfolgreiche
Verschränkung beweisen. Das lässt die Wissenschaftlergemeinde nun auf
echte Fortschritte im Quantum Computing in der "nicht allzu fernen
Zukunft" hoffen.
Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23508/1.html
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